Migratory Lectures im SoSe 2026 

 


Wie das Globale welten?

 

Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
12. Mai 2026 - 30. Juni 2026

Organisation:

Dr. phil. Franziska Koch mit der AG "Kunstproduktion und Kunsttheorie im Zeichen globaler Migration" 

 

Online bzw. hybride Veranstaltung an der HHU im Raum 2201.HS 2A (Z 336)

Meeting-Kennnummer 2731 620 5149, Video-Adresse [email protected], Audio-
Verbindung Germany Toll +49-619-6781-9736, Zugriffscode 2731 620 5149

 

 

12. Mai 2026

Wei Sun, Heidelberg University / Ca’ Foscari University of Venice

Who Gets to Be Global? Exhibiting Isamu Noguchi and the Production of Art History

 

How is “global” art history produced? And what role do exhibitions play in shaping the narratives through which artists are positioned within it?

This lecture approaches the exhibition as a key site of art-historical production through the case of Isamu Noguchi (1904–1988), a Japanese-American sculptor whose work has repeatedly been framed through discourses of cultural identity, transnationalism, and modernism. Focusing on the 1986 exhibition Japon des avant-gardes at the Centre Pompidou, the talk examines how curatorial decisions, institutional frameworks, and display strategies shaped the interpretation of Noguchi’s work and positioned him within a narrative of the “Japanese avant-garde.”

Drawing on theoretical perspectives by Michel Foucault, Tony Bennett, and Mieke Bal, the lecture introduces the concept of “interwoven narratives” to describe how artistic self-fashioning, institutional discourse, exhibition design, and artworks interact in the production of meaning. It argues that exhibitions do not merely illustrate art history; they actively construct it by defining what counts as global, modern, transnational, or avant-garde.

By situating Noguchi within debates on migration, cultural identity, and transculturation, the lecture invites us to reconsider how global art history is written and how alternative exhibition practices might respond to the complexities of artistic in-betweenness.

 

Wei Sun is an art historian from Nanjing, China. He holds a B.A. in art history from Heidelberg University and an M.A. in art history and museology jointly from Heidelberg University and the École du Louvre. He is currently pursuing a PhD at Heidelberg University and Ca’ Foscari University of Venice. Supported by the Studienstiftung des deutschen Volkes, his research centers on exhibition history, particularly the landmark exhibition Japon des Avant-gardes (1986), and the discursive formation of Japanese avant-garde art in Euro-American museums.

Having lived across East Asia and Europe, he is deeply engaged with the transnational dynamics of art. His academic interests encompass avant-garde theory, postwar Japanese art, exhibition studies, and art historiography. He is also a member of the project Ishibashi Foundation Digital Futures Scholars: Archives of Postwar Japanese Art in Europe and the author of Tarō Okamoto: La métamorphose comme avant-garde (2026).

 

 

 

16. Juni 2026

Lena Bader, Deutsche  Forum für Kunstgeschichte (DFK), Paris

Relationale Bildwelten: Zur Praxis transkultureller Reappropriation bei Denilson Baniwa

 

Ausgehend von aktuellen frankophonen Theoriedebatten, die Kultur als relationale Praxis in den Vordergrund rücken, untersucht der Vortrag produktive Resonanzen mit Positionen aus Lateinamerika, die kulturelle Praktiken als Orte dialektischer Aushandlung begreifen. Im Fokus stehen Positionen zeitgenössischer indigener Kunst aus Brasilien, in denen sich theoretische und ästhetische Dimensionen verschränken und die Erfahrung einer Dialektik der Begegnung zum Thema wird. Am Beispiel von Denilson Baniwa zeigt der Vortrag, wie historische Appropriationen indigener Bildwelten im Rahmen des brasilianischen Modernismo der 1920er Jahre in gegenwärtigen künstlerischen Praktiken kritisch reappropriiert werden. Baniwas Arbeiten lassen sich dabei als relationale Bildwelten verstehen, in denen komplexe Begegnungsgeschichten hervortreten und Fragen von Sichtbarkeit, Differenz und kultureller Relation verhandelt werden.

 

Lena Bader ist seit 2018 Forschungsleiterin am DFK Paris. Ihre Forschung bewegt sich an der Schnittstelle von Kunstgeschichte und Kulturtheorie. In ihrer Dissertation verfolgte sie eine bildkritische Perspektive auf die Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte; am DFK Paris erweiterte sie diesen bildwissenschaftlichen Ansatz um Fragen der Transkulturalität. Ihr aktuelles Habilitationsprojekt untersucht anhand ausgewählter Kontaktmomente zwischen Brasilien, Frankreich und Deutschland, wie Bilder als Orte der Aushandlung transkultureller, relationaler Identitätskonzepte agieren.

 

 

 

23. Juni 2026, Raum 2201.HS

Charlotte Püttmann, Universität zu Köln

Migration ab_bilden künstlerische Positionen im EUropäischen Migrationsdiskurs nach 1945

 

Der Vortrag untersucht die Rolle künstlerischer Praktiken im EUropäischen Migrationsdiskurs jenseits der reinen Repräsentation. Bilder von Migration bilden nicht lediglich eine vorausgesetzte Realität ab, sondern sind aktiv an deren Konstitution beteiligt. Anhand ausgewählter künstlerischer Positionen wird kontrapunktisch analysiert, wie Migration als politische Kategorie erzeugt wird und damit spezifische Weltvorstellungen und narrative Räume geformt werden. Der Vortrag fragt danach, welche Erzählungen und Machtstrukturen in Bildwelten verankert sind und wie Kunstwerke antihegemoniale Momente erzeugen und Gegenbilder entwerfen können, die etablierte Kategorien infrage stellen. Damit wird gezeigt, dass künstlerische Produktion im Kontext von Migration immer auch eine Welt-Produktion ist – ein Prozess, der die Grenzen des Politischen und des Sozialen neu verhandelt und erprobt.

 

Charlotte Püttmann arbeitet im Fachbereich Kunsttheorie an der Universität zu Köln mit den Schwerpunkten kritische Migrationsforschung und marxistische Kunstgeschichte. In der Promotion befasst Charlotte sich mit künstlerischen Positionen im europäischen Migrationsdiskurs nach 1945.

 

 

 

30. Juni 2026

Rhea Dehn Tutosaus, Technische Universität Darmstadt

A border, a woman, and a camera: Künstlerische Praktiken an der spanisch-marokkanischen Grenze

 

Der Vortrag entwickelt eine feministisch-postkoloniale Grenzästhetik, die die spanisch-marokkanische Grenze als ästhetisch-epistemischen Raum versteht. Aus einer intersektionalen Perspektive, die die Verschränkung von Grenze und Gender in den Mittelpunkt stellt, untersucht er, wie Grenzerfahrungen in künstlerischen Formen verhandelt werden.

Im Zentrum stehen zeitgenössische künstlerische Positionen von Ursula Biemann, Randa Maroufi und Irene Gutiérrez Torres, die die Lebensrealitäten marokkanischer Grenzgängerinnen thematisieren und dabei zunehmend partizipative künstlerische Strategien entwickeln. Diese Praktiken irritieren dominante Visualitäten der Grenze, indem sie marginalisierte Perspektiven sichtbar machen und situierte Formen der Wissensproduktion eröffnen. Die Grenze erscheint dabei weniger als statische Trennlinie denn als relationaler Raum der Aushandlung, in dem Handlungsmacht und strukturelle Machtverhältnisse zugleich sichtbar werden (Anzaldúa 1987). So werden partizipative künstlerische Strategien als epistemologische Praktiken vorgeschlagen, die hegemoniale Grenznarrative verschieben und ein Denken von der Grenze aus ermöglichen (Mignolo 2000).

 

Anzaldúa, Gloria: Borderlands/La Frontera. The New Mestiza, Aunt Lute Books, 1987.

Mignolo, Walter D: Local Histories/Global Designs. Coloniality, Subaltern Knowledges, and Border Thinking, Princeton University Press, 2000.

 

Rhea Dehn Tutosaus ist Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Postdoc-Mitarbeiterin an der Technischen Universität Darmstadt im Bereich Mode & Ästhetik. Sie studierte Kunstgeschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M. sowie an der Universitat de Barcelona und promovierte 2025 in Kunstgeschichte an der TU Darmstadt, wo ihr Projekt mit dem Förderpreis des Fachbereichs Humanwissenschaften für ein innovatives Forschungsvorhaben ausgezeichnet wurde.

In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit zeitgenössischer Kunst, Ästhetiken des Körpers, partizipativen Praktiken sowie Grenz- und Migrationserfahrungen im Kontext post- und dekolonialer Studie. Ein besonderer Fokus liegt auf der Verschränkung von Körper, Bewegung, Raum und visueller Kultur in transkulturellen Kontexten. Zu ihren jüngsten Publikationen zählen Traumatic Monuments – Decolonial Iconoclasms and ‘Southern’ Memories (mit Miriam Oesterreich, 2024), Visualising Border Experiences through Participatory Filmmaking at the Moroccan-Spanish Border (2025) sowie der Beitrag Colonialidad de Frontera: Realidad, Imaginación y Representación del Estrecho de Gibraltar in einem von ihr mit herausgegebenen Special Issue zu Ästhetiken von Grenzen (mit Miriam Oesterreich und Zahira Dehn Tutosaus, Miradas 10, voraus. 2026).