Aktuell

A Short Half Century gegen die Blindheit.

Zum Tod von Okwui Enwezor (1963-2019)

 

17.3.2019

 

Okwui Enwezor, Lagos/ Nigeria, 2013, Foto © Anne-Lena Michel

Trotz regem Ausstellungsbetrieb war das vergangene Wochenende im Münchner Haus der Kunst sehr still. Schritte in der großen, entleerten Mittelhalle erschienen fast wie unangebrachter Lärm. Das Team des Ausstellungshauses, so vermittelt dies nicht nur die aktuelle Redaktionsmeldung auf der Website, trauert um seinen am vergangenen Freitag verstorbenen Leiter Okwui Enwezor – verbunden mit großem Dank für die durch ihn ermöglichte "Erweiterung" des fachlichen Blickwinkels, ein verändertes "Leitbild" des Hauses, aber vor allem die "Überzeugung, dass die Entwicklungslinien der zeitgenössischen Kunst global und vielschichtig verlaufen und nicht durch geografische, konzeptuelle und kulturelle Grenzen einzuschränken sind." Auch für das Publikum vom Wochenende scheint der Besuch von Enwezors letzter großartiger Schau zum Werk El-Anatsuis fast mehr im Zeichen der Kondolenz gestanden zu haben.

 

Seit Freitag ist die Tages- und Fachpresse voll von Würdigungen und Nachrufen auf den Ausnahmekurator Okwui Enwezor, der das internationale Ausstellungsgeschehen und die Kunstdebatten der letzten Dekaden so wesentlich bestimmt und durch seine global erweiterten Ansätze auch das gesamte Ausstellungs- und Museumswesen bereichert hat. Für die Disziplin der Kunstgeschichte aber liegt der enorme Wert seiner Arbeit nicht nur in den großen, auch für das Fach elementaren Ausstellungen – im Format einer documenta 11 von 2002 oder der Venedig Biennale von 2015, durch deren Plattform-Modell und dezentrale Ausrichtung Enwezor ein Umdenken in der fachlichen Wahrnehmung der global vernetzten Moderne und Gegenwartskunst in Gang setzte.

 

Schon frühere Ausstellungen wie "Short Century. Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen in Afrika 1945 -1994", die sich 2001 auf die Zusammenarbeit der Münchner Villa Stuck mit dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin gründete und anschließend international wanderte, lenkten gezielt auf jene in der westlichen Welt bis dato unerschlossenen Politik-, Kunst- und Kulturgeschichten, hier des afrikanischen Kontinents, der als geschichtslos abgewertet, aus den großen (westlichen) Geschichtserzählungen ausgeklammert war. Enwezors Verdienst war es, genau dieser vermeintlichen Geschichts- und Zeitlosigkeit entgegenzutreten und dem Status eines angeblich nur auf orale Überlieferung gegründeten Vergangenheitsbezugs in Afrika mit einem Aufgebot an Kunst, Bild- und Quellenmaterial zu begegnen und derart die kulturellen und künstlerischen Äußerungen und Geschichte seit der Moderne, über die Nachkriegszeit und Phase der De-Kolonialisierung bis in die aktuelle Gegenwart zu verfolgen und neu zu verorten.

 

In der späteren, 2013 auch am Haus der Kunst realisierten Ausstellung "Aufstieg und Fall der Apartheid: Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens" knüpfte Enwezor erneut an diese Strategie an. Wieder konfrontierte er das Ausstellungspublikum mit einer Fülle an Bildmaterial, Presse- und künstlerischer Fotografie, fotografischen und schriftlichen Quellen; wieder zeigte er durch die global kontextualisierte Darstellung – hier der historischen Ereignisse von Gewalt und Widerstand in Südafrika und der innen- und außenpolitischen Verhandlung und internationalen Solidarität – zugleich auch die Blindstellen in der Wahrnehmung der historischen, kulturellen wie künstlerischen Verhandlungsformen und Verfahren auf. Kaum zufällig hat sich Enwezor in solchen Projekten und Publikationen auch immer wieder auf teils erstmalig veröffentlichte schriftliche und bildliche Quellen gestützt, um die künstlerische Arbeit aus ihren Ideen- und Entstehungszusammenhängen zu erschließen.

 

Mit Jacques Derrida, dem er 2009 auch einen interdisziplinären Sammelband zur afrikanisch-diasporischen Moderne, Postmoderne und Zeitgenossenschaft widmete, scheint auch ihm die Situierung der Kunst in einem neuen Verständnis von nicht-textueller Schriftlichkeit – als fragile Markierung, unpathetische, gleichsam bildlich zu erfassende Spur und grundlegende Kulturäußerung – ein Anliegen gewesen zu sein.

 

Okwui Enwezor, der sich selbst als Kurator, Autor und Wissenschaftler verstand, wird weit stärker mit seinen bahnbrechenden kuratorischen Leistungen zusammen gebracht als mit seinen wissenschaftlichen Ansätzen und zahlreichen Publikationen in und jenseits des Ausstellungsgetöses. Tatsächlich hat er aber nicht nur den Blick auf zahllose hoch relevante künstlerische Positionen in ihren globalen Entstehungszusammenhängen und Verbindungen gelenkt und diese für postkoloniale Fachdebatten erschlossen, sondern damit vor allem auch die Gegenstände und das Methodenrepertoire der traditionellen Kunstgeschichte insgesamt wegweisend
hinterfragt. Neben der anschaulichen Seite seiner

Ausstellungsprojekte, in denen Verlagerungsprozesse weg von den alten Zentren westlicher Kunst sichtbar werden konnten, ist es auch Enwezors Leistung, den Fokus der kunstwissenschaftlichen Betrachtung in große transozeanische Raumzusammenhänge erweitert zu haben, in denen künstlerische Verbindungen und kulturelle Wechselwirkungen sichtbar werden und eine Ästhetik der Migration – nicht als Sonderfall der Geschichte, sondern als Kontinuum – freilegen konnten.

 

Bereits durch Themen der afrikanischen und afrikanisch-diasporischen Kunst seit der multiplen Moderne, die im 1994 von Enwezor gegründeten und gemeinsam mit Salah M. Hassan und Chika Okeke-Agulu herausgegebenen Journal of Contemporary African Art, Nka, bis heute zur Debatte stehen, erweiterte sich lange vor der wegweisenden documenta 11 oder der späteren Post-War-Ausstellung 2016/17 in München die kritische Verhandlung in den transatlantischen Raum. Veränderte Formen der Kontextualisierung und Verortung und ein nunmehr global geführter intellektueller Dialog zur Kunst und Kultur vor allem nach 1945 und über nationale Grenzen und Schulen hinweg, aber auch die medienübergreifende Aufarbeitung von transkulturellen Phänomenen und künstlerischen Positionen in wissenschaftlichen Artikeln und Rezensionen, publizierten Interviews und fachbezogenen Diskussionen im Journal lieferten wichtige Impulse für eine Revision eines Fachs, das bis heute mit den Blindstellen seiner euro- und westzentrierten Verankerung hadert – auch wenn die politisch forcierten öffentlichen Debatten um Öffnungsprozesse in Kunstsystem und Institutionen bis hin zu Fragen der Restitution inzwischen den Eindruck eines bereits abgeschlossenen Erneuerungsprozesses in weitest gehendem Konsens vermitteln mögen.

 

Mit Ko-Autoren und Herausgeberinnen – wie Rory Bester, Nancy Condee, Olu Oguibe, Chika Okeke-Agulu, Terry Smith und vielen anderen – hat Okwui Enwezor auch in umfangreichen Überblicksdarstellungen die Konturen der afrikanischen Moderne und Gegenwartskunst geschärft (Reading the Contemporary, 1999; Contemporary African Art Since 1980, 2009). Zahlreiche monografische Darstellungen zu signifikanten Zeitabschnitten oder auch dem Oeuvre einzelner, meist auch in großen Schauen bedachter afrikanischer Gegenwartskünstlerinnen und Künstler, wie Zarina Bhimji, Meschac Gaba, Bodys Isek Kingelez bis hin zu El Anatsui, die Enwezor gleichermaßen dem Fachpublikum zugänglich wie auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht hat, aber auch seine Münchner Veröffentlichungen über diasporische und afrikanisch-amerikanische künstlerische Positionen – von Kendell Geers, Ellen Gallagher, Lorna Simpson oder auch eines Frank Bowling – stehen für sein erfolgreiches Konzept der Sichtbarmachung und seine systematische Bearbeitung von Forschungsdesideraten. Nur so konnte es Enwezor gelingen, übersehene und marginalisierte Anchor-Figuren als Akteure einer historisch vernetzten und von konstanten Migrationsprozessen profitierenden globalen Kunstproduktion zum Gegenstand der (nun auch westlichen) Kunstgeschichte zu machen. Ja, diese fachlichen Inklusionsprozesse ermöglichten es überhaupt erst, auch kategoriale Fragestellungen an eine vernetzte Moderne und Gegenwartskunst aufzuwerfen und kulturell determinierte Zeitlichkeitsvorstellungen und kunstwissenschaftliche Periodisierungsmodelle aus derart erweiterter Perspektive zur Debatte zu stellen – wie in Enwezors, Jacques Derrida gewidmetem Band Antinomies of Art and Culture von 2009 geschehen.

 

Das Ende von Okwui Enwezors so erfolgreicher Amtszeit am Münchner Haus der Kunst war offenkundig von viel politischem Taktieren, Pfennigfuchserei und kulturellem Unverständnis, vor allem aber von der Provinzialität kulturpolitischer Entscheidungsträger überschattet, zu der sich der bereits schwerkranke Kurator im vergangenen Jahr noch selbst im Spiegel äußerte: "Wohlmöglich passte unsere inhaltliche Ausrichtung nicht ins heutige politische Klima", so Enwezor im August 2018 zu den Ursachen seines vorzeitigen Abschieds. "Das politische Klima in diesem Land bringt viele Menschen dazu, all das, was in den vergangenen Jahrzehnten erreicht wurde, aufzugeben. Und das sieht man am deutlichsten am Umgang mit den Flüchtlingen (…)" – wobei der Kurator die Äußerung seiner Enttäuschung über die mangelnde Wertschätzung seiner Arbeit durch die bayerische Kulturpolitik mit der offenen Kritik am erstarkenden Rassismus im Land, an der salonfähig gewordenen Diktion der "Feindseligkeit" und der politischen wie medialen Indienstnahme der  "Flüchtlingskrise" 2015 verband – und damit erneut in einen erweiterten, politischen Kontext stellte.

 

Okwui Enwezors Tod, den auch wir Fachkolleginnen und Kollegen zutiefst betrauern, hinterlässt eine große Leerstelle in unserer Disziplin.

as


In Memoriam Bisi Silva (1963-2019)

Bisi Silva, Lagos, Nigeria, 2013, Foto © Anne-Lena Michel

Am 12. Februar verstarb die nigerianische Kuratorin Bisi Silva im Alter von 56 Jahren.

Mitglieder unseres Netzwerkes lernten sie zu verschiedenen Anlässen und an unterschiedlichen Orten als engagierte Ausstellungsmacherin, passionierte Wissenschaftlerin und Autorin kennen. Bisi Silva leistete kulturpolitische Pionierarbeit; für Künstlerinnen und Künstler, Kuratorinnen und Kuratoren, Kunstwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler schuf sie produktive Arbeitsbedingungen: eine Plattform für neue künstlerische Ausdrucksweisen in Nigeria, für Diskussionen und Debatten, Raum für Forschung zu bislang unberücksichtigten Kunstgeschichten Nigerias und (West) Afrikas. Energisch, aber auch mit großer Empathie und immer visionär, verstand sie es, unterschiedliche lokale Positionen zusammenzubringen, internationale Gäste einzubinden, mit Kollegen und Kolleginnen des Globalen Südens zu kooperieren und neue lokale Kunst-Initiativen anzustoßen. Unter ihrer Ägide fanden Ausstellungen zu neuen Positionen der Malerei ebenso statt wie sie Performance und Medienkunst als bis dato eher randständig wahrgenommene künstlerische Ausdrucksformen förderte; angstfrei griff sie dabei auch das Thema Diversity auf.

 

Nach ihrem Sprachen-Studium in Dijon hatte Bisi Silva am Royal College of Art in London das Masterprogramm Curating Contemporary Art absolviert und war anschließend nach Lagos zurückgekehrt, wo sie zu einer der zentralen Figuren der Kunst- und Ausstellungsszene avancierte. Im Jahr 2007 gründete sie dort das Centre for Contemporary Art, Lagos (CCA), das weit mehr als ein Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst vor allem auch für junge, noch weniger bekannte Positionen zu einem entscheidenden Ort der Erstausstellung und öffentlichen Wahrnehmung wurde.

 

Es entsprach Bisi Silvas Selbstverständnis als Wissenschaftlerin und Autorin renommierter Kunstmagazine und Fachzeitschriften (Agufon, Artforum, Art Monthly, Metropolis M oder Third Text), ihrer Funktion als Beiratsmitglied des internationalen Journals für feministische Kunst (N. Paradoxa), aber insgesamt auch ihrem professionellen Weitblick, im CCA auch eine in Nigeria einmalige, umfangreiche kunst- und kulturwissenschaftliche Bibliothek aufzubauen, durch die das CCA zu einem zentralen Treffpunkt, Forschungs- und Verhandlungsort für die Kunstszene vor Ort, aber auch internationale Gäste werden konnte. Vor allem in

den letzten Jahren wurde er Bisi Silva, die sich noch einmal verstärkt Künstlerprojekten, Forschungsvorhaben und Publikationen widmen wollte, zum entscheidenden Arbeitsort, ohne auf die Präsenz an allen relevanten internationalen Ausstellungen afrikanischer und diasporischer Gegenwartskunst zu verzichten, auf deren Konzeption sie Einfluss nahm.

 

Bisi Silva war vielen jungen Künstlerinnen und Künstlern in Nigeria eine wichtige Mentorin. Sie verstand diese Förderung als elementaren Teil ihrer Arbeit, und aus diesem Verständnis heraus initiierte sie auch das Àsìkò-Programm als eine von den politisch-administrativen Strukturen unabhängige interdisziplinäre wandernde Ausbildungsstätte für Kurator/innen, Künstler/innen und Theoretiker/innen, die jährlich an verschiedenen Orten in Afrika, unter anderem in Senegal, Ghana oder Äthiopien ausgerichtet wurde.

 

Bisi Silva wirkte als Kuratorin oder Ko-Kuratorin für unzählige Ausstellungen und internationale Biennalen, so die 7. Biennale für Gegenwartskunst in Dakar (DakArt) von 2006 oder auch die Ausstellung "Praxis: Art in Times of Uncertainty" im Rahmen der 2. Thessaloniki-Biennale von 2009, und wurde 2013 als Jurymitglied für die 55. Venedig Biennale "Der enzyklopäische Palast" berufen. Neben der Vielzahl an Ausstellungen am CCA, Lagos, realisierte sie 2011 "Moments of Beauty" in Finnland, eine Retrospektive des nigerianischen Fotografen J.D. ’Okhai Ojeikere (1930 – 2014), dem sie darüber hinaus 2015 eine erste umfangreiche Monografie widmete. Dass sie ebenfalls 2015 die künstlerische Leitung des renommierten Fotografie-Festivals "Rencontres de Bamako" in Mali innehatte, das sie unter dem Titel "Telling Time" bespielte, bildete einen weiteren Höhepunkt ihrer Arbeit.

 

Wir werden Bisi Silva enorm vermissen.

km/ kp

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Interview mit Bisi Silva
Interview with Bisi Silva _KPinther.pdf
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Workshop

Diasporic Imaginaries. Multiple Senses of Belonging

 

Deutsches Forum für Kunstgeschichte / Centre allemand d’histoire de l’art, Paris
April 4-5, 2019

 

Conceived and organized by Lena Bader, Birgit Mersmann, Mona Schieren

 

Migration in art and art history is primarily defined by the movement in both space and time of artists, curators, and critics, and their works, ideas, and memories (Mathur 2011). It has engendered geographically dispersed artistic communities bound by shared diasporic experiences and has generated splintered temporalities of artistic relationalities that negotiate between pastness, nowness, and futurity. The increasing diasporization of art and culture is a farreaching and profound shift resulting from global migration and its rapidly changing nature. As a global transnational process, migration has produced global diasporas (Cohen 1997), including ethnic, cultural, religious, and national diasporas, which fuel the dissemination of “diasporic imaginaries.” Beside the Jewish, Greek, Armenian, and Black diasporas — the most historically significant diasporic traditions — the Chinese, Indian, Iranian, Lebanese, Palestinian diasporas have, among others, become clearly visible on the world map of diaspora cartographies (Brah 1996, Dufoix 2008). > more


The conference will be held in English.

 

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Programm "Diasporic Imaginaries", 4.-5. April 2019
DIASPORA_Program.pdf
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Vorankündigung

96. Kunsthistorischer Studierendenkongress

Reise und Migration

 

Universität Duisburg-Essen / Folkwang Universität der Künste

 

4.-7. Juli 2019, Essen

 

Mehr Information unter > Calls for paper & Kooperative Tagungen und Konferenzen

ab November 2018

DFG Netzwerk Verflochtene Geschichten von Kunst und Migration:
Formen, Sichtbarkeiten, Akteure

der AG Kunsttheorie und Kunstproduktion im Zeitalter globaler Migration

Das Netzwerk hat sich zum Ziel gesetzt, das Zusammenwirken von Migration und Globalisierung als bedeutendes Phänomen der gesellschaftlichen Transformation im 20. und 21. Jahrhundert in seiner Rolle für die kunstwissenschaftliche Forschung und die künstlerische Produktion zu untersuchen. Insgesamt sechs internationale Workshops sowie eine daraus resultierende Publikation sollen dazu beitragen, die migrationsforschende globale Kunstgeschichte dauerhaft, und nicht zuletzt auch als Forschungsfeld innerhalb der Migrationsstudien, zu etablieren und national wie international sichtbar zu machen.   mehr .... >